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Thema: "Sprache verbindet" oder "Wenn Medien die Eltern-Kind-Bindung gefährden"

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Warum wird Sprache überhaupt erworben? Die gesunde Entwicklung eines Kindes hängt nicht nur von der Versorgung der körperlichen Bedürfnisse, sondern auch von den kommunikativen Liebesbekundungen der Eltern ab. Emotionale Sprache und Muttersprache sind demnach eng miteinander verbunden.

Nur im lebendigen Austausch lernen Kinder überhaupt zu sprechen. Die Wissenschaftler Zimmerman und Christakis fanden sogar heraus, dass Kleinkinder statistisch für jede Stunde, die sie Baby-DVDs sahen, im Durchschnitt sechs bis acht Wörter weniger verstanden und sprachen, als die Kinder ohne Fernsehkonsum. Das Gespräch mit Mama und Papa ist eben durch nichts zu ersetzen!

Kinder sind auch vom ersten Tage an in der Lage auf menschliche Gesichter zu reagieren. Sie erkennen, ob da ein lebloser Gegenstand vor ihnen steht oder ein lebendiger Gesprächspartner. Auch fordern die Kleinen von ihrem Gegenüber stets Gegenreaktionen auf ihr Verhalten, ihre Bedürfnisse und Erwartungen ein. Wenn das Kind eine gute Bindung zu seinen engen Bezugspersonen hat, sucht es immer wieder den Kontakt.

„Hat die Mutter aber beispielsweise einen eher teilnahmslosen Blick – etwa weil sie psychisch krank ist oder das Kind z.B. wegen des Handys ständig ignoriert – dann stellt man bei diesen Kindern schon im Alter von vier Monaten fest, dass sie den Blick vermeiden. Sie lernen, es ist unangenehm, wenn die Mutter nicht zurückschaut, also schaue ich lieber nicht hin. Schon ganz kleine Kinder resignieren dann“, so die Entwicklungspsychologin Sabina Pauen von der Universität Heidelberg.

Kommunikation ist also von Anfang an in eine intensive Beziehung eingebettet. So prägt die Art und Weise wie wir mit unseren Kindern umgehen und sprechen ihr Bild von uns – und vor allem von sich selbst.

 

Auf dem Spielplatz sitzen Eltern auf der Bank und sind mit ihrem Handy beschäftigt, anstatt auf ihr dreijähriges Mädchen zu schauen, das so eben ganz allein auf den Kletterturm gestiegen ist und voller Stolz und Beifall heischend zu ihnen hinüberblickt. Auch das Kleinkind im Kinderwagen würde mit Papa gerne seinen klebrigen Keks teilen, wenn er nicht wie hypnotisiert auf sein Telefon starren würde.

Im Restaurant sitzt eine fünfköpfige Familie. Alle ab sechs Jahren schauen auf ihre Smartphones, das jüngste hat ein grell aufleuchtendes und laut vor sich hin dudelndes Tablett vor die Nase geschoben bekommen.

Die Mutter stillt ihr Baby und schreibt dabei WhatsApp-Nachrichten…

 

Ich könnte noch viele weitere, leider normal gewordene Alltagsszenen aufzählen. Wir Erwachsenen sind körperlich anwesend, aber seelisch nicht. Welches Kind soll das verstehen?

Kinder verlieren ihre Bindungs- und Kommunikationsfähigkeit. Und wir Erwachsenen auch…

Beim sogenannten Still-Face-Experiment forderten Forscher beispielsweise die Mutter auf, mit plötzlich versteinertem Gesicht nicht mehr auf ihr Baby zu reagieren. Resultat: Die Babys gerieten in großen Stress und versuchten mit Strampeln, Armwedeln und schließlich Weinen die Zuwendung der Mutter wiederzubekommen.

"Ähnliche Reaktionen könnte der ständige Blick aufs Smartphone auslösen. Säuglinge könnten resignieren, weil die Lebendigkeit der Mimik fehlt und permanent dem Smartphone zugerichtet ist", schreiben Schweizer Forscherinnen, darunter Agnes von Wyl, in dem Aufsatz "Der Blick zum Säugling – gestört durch Smartphones?".

Schon die im Mai 2017 vorgestellte BLIKK-Medienstudie warnte: "Wenn der Medienkonsum bei Kind oder Eltern auffallend hoch ist, stellen Kinder- und Jugendärzte weit überdurchschnittlich entsprechende Auffälligkeiten fest." So komme es zu Fütter- und Einschlafstörungen, wenn die Mutter digitale Medien während der Versorgung des Babys nutze - ein erster Hinweis auf eine Bindungsstörung.

Die Empfehlung lautet „kein Zugang zu Bildschirmmedien bis zum dritten Lebensjahr. Smartphones frühestens ab dem 12 Lebensjahr.“ (Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA))

Der Direktor des Instituts für Medizinökonomie und medizinische Versorgungsforschung Köln, Rainer Riedel, sagt, „der allgegenwärtige Zugang zu digitalen Medien ist das größte In-Vivo-Experiment, das jemals stattgefunden hat. Wir wissen derzeit nicht, wie sich das auf uns Menschen in 20 oder 30 Jahren auswirken könnte.“

Ich weiß als dreifache Mutter, wie schwierig es ist, den gesellschaftlichen Zwängen stand zu halten und gerade beim Medienkonsum für die Kinder klare Regeln aufzustellen und nicht einzuknicken. Bei uns war es so, als die ersten Kinder in der Grundschule zur Kommunion mit 9 Jahren Smartphones bekamen. Spätestens mit dem Schulwechsel hatten dann (fast) alle eines.

Unsere Kinder, zum großen Bedauern der ein oder anderen Tochter, müssen bis zum 12. Lebensjahr warten. Natürlich wäre es vielleicht für den Moment leichter, dem Drängen der Kinder bzw. dem gesellschaftlichen Druck nachzugeben. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass die Kinder mit Smartphones, Internet usw. überfordert sind. Nicht nur die Bedrohung, die von jugendgefährdenden Inhalten ausgeht, sondern auch das kommunikative soziale Miteinander geht verloren oder wird gar nicht erst erlernt. Miteinander reden, Verständnis und Empathie zeigen und zu empfinden, sind kostbare Güter, die es meiner Meinung nach zu bewahren und beschützen gilt.

Ich möchte, dass meine Kinder die Welt so lange wie möglich so sehen, wie sie ist und nicht durch irgendwelche Filter.

Im diesen Sinne wünsche ich Dir einen schönen Juni,

Deine Nicole Tepaße

 

 

 

 



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